Back to work!

Es war lange sehr still auf diesem Blog. Das lag daran, dass mir diese Pandemie ziemlich zu schaffen gemacht hat – mehr, als ich es jemals erwartet hätte.

Ich glaube, das, was für mich in dieser Situation am schwierigsten ist, ist die Machtlosigkeit. Egal, was passiert, man kann immer etwas tun, und sei es nur, den Betroffenen zu helfen: Bei einem Unfall, einem Feuer, einem Hochwasser. Selbst bei einer Erkrankung habe ich das Gefühl, irgendetwas machen zu können: Tee bringen bzw. holen, für Entspannung sorgen, zudecken. Es sind oft nur Gesten, die jedoch Anteilnahme zeigen und gleichzeitig etwas bewirken können. Aber bei einer Pandemie? Natürlich, man kann zu Hause bleiben, Kontakte vermeiden und so weiter. Doch das fühlt sich anders an als in den oben beschriebenen Situationen. Es fühlt sich an, als täte man aktiv nichts, um die Lage zu verbessern. Und ich glaube, diese fehlende Aktivität ist es, die mich so sehr in ein Gefühl der Hilflosigkeit treibt.

Wenn mich etwas stresst oder anderweitig anstrengt, entzieht mir das Energie. Ich vergleiche es gern mit einer Batterie. Und diese Batterie scheint in einzelne Zellen unterteilt zu sein, denn die erste Zelle, die sich entleert, ist immer die für die Kreativität. Anders ausgedrückt: Das Erste, was auf der Strecke bleibt, wenn ich mehr Energie brauche als üblich, sind meine kreativen Hobbys. Und dazu gehört natürlich auch das Schreiben. Ich habe seit Pandemiebeginn fast nichts zu Papier gebracht.

Doch ich habe in den letzten Monaten bemerkt, dass mein Energielevel langsam ansteigt, und war oft kurz davor, wieder einen Blogeintrag zu verfassen. Aber ich bin froh, doch bis heute gewartet zu haben: Die Batterie lädt nicht linear, sodass ich abschnittsweise immer wieder Tiefphasen hatte. Aber auch die sind inzwischen viel seltener geworden – ich wage es, mich wieder an die Schreibarbeit zu setzen! Das habe ich nicht zuletzt mehreren tollen Motivationen zu verdanken, die mich in letzter Zeit erreicht haben, und von denen ich euch in künftigen Blogposts unter dem Schlagwort „Motivation“ erzählen werde.

Ich freue mich, wieder online zu sein, und hoffe aufrichtig, es geht euch allen den Umständen entsprechend gut!

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Nachwuchs

Inhaltsangaben/Content notes: Kinder (Babys), Tiere (Wölfe)

Voll Freude hob Amrit die Hand und winkte, kaum, dass er die Autotür hinter sich zugeschlagen hatte. Er überließ es Beatrix, das Fahrzeug abzuschließen, und eilte mit großen Schritten und ausgestreckten Armen auf Chris zu, die ihn am Rand des Wanderparkplatzes mit einem stolzen Lächeln erwartete.
„Wie schön, dich endlich zu sehen!“ Er zog sie an seine Brust und drückte sie behutsam an sich. „Wie geht es dir? Wie geht es den Babys?“
Sie lachte vergnügt. „Großartig! Wirklich großartig. Gerade schlafen sie.“
Beatrix trat hinzu und gab Chris einen Kuss auf die Wange. „Schön, zu hören, dass es euch dreien gut geht.“ Sie hob einen Jutebeutel an und überreichte ihn Chris mit einem verlegenen Gesichtsausdruck. „Ich war mir nicht ganz sicher, was sinnvoll wäre, aber ich wollte euch so gerne was schenken.“
Chris nahm ihr die Tasche ab, griff neugierig hinein und zog den erstbesten Gegenstand heraus. „Ein Ball? Das ist ja toll!“ Sie strahlte Beatrix an. „Danke! Es dauert noch ein bisschen, bis sie mit ihm spielen können, aber das macht nichts.“
Endlich lächelte auch Beatrix. „Ich habe extra weiche, kuschlige genommen. Ich dachte, im schlimmsten Fall sind sie einfach nur Kissen.“
„Sie?“ Überrascht sah Chris in den Beutel. Als sie fünf weitere Stoffbälle darin entdeckte, lachte sie auf. „Aber warum so viele?“
Amrit übernahm die Erklärung. „Wir dachten, dann kann man immer ein Paar waschen. So hast du immer sauberes Spielzeug für die zwei Racker.“
„Verstehe.“ Chris grinste. Das war typisch für ihre Freunde. Sie legte den ersten Ball in den Beutel zurück und sah die beiden auffordernd an. „Na, dann kommt mal mit, damit ich sie euch vorstellen kann!“

Leises Wimmern drang an ihre Ohren, als sie sich der Familie näherten. Chris eilte voraus, schob ihre nach den Babys sehenden Schwester beiseite, kniete sich neben die beiden Kinder und streichelte dem einen, das kurz davor war, sein Geschwisterchen zu wecken, sanft über den Kopf. Doch statt Trost zu spenden, löste die Berührung eine noch stärkere Reaktion aus. Die Laute des Babys wurden dringlicher, sodass Chris es behutsam in die Arme nahm und ein wenig hilflos wiegte.
„So hab ich noch nie …“, begann sie, wurde dann aber von ihrem zweiten Kind abgelenkt, das nun auch aufgewacht war und ebenso lautstark auf sich aufmerksam machte.
„Hier, halt mal“, sagte Chris kurz entschlossen, drückte Amrit das wimmernde Bündel in die Hand, zog sich rasch das weite Kleid über den Kopf und wurde Wolf. Mit wenigen Schritten eilte sie zu dem zweiten Säugling hinüber, legte sich hin, leckte ihn beruhigend ab und schob ihn sanft mit der Schnauze an ihre Zitzen.
Amrit kniete sich neben sie und bette auch das erste Wölfchen zu seinem Geschwisterchen. Doch der Knirps hielt suchend die Nase in die Luft und kroch wieder auf ihn zu.
„Sieh nur“, meinte Amrit lachend zu Chris und fing den Ausreißer ein. „Da ist jemand neugierig auf die Wölfe in Menschengestalt.“ Beim zweiten Versuch fand der Welpe die Zitze und begann, seinen Hunger zu stillen.

Beatrix stand im Wald und sah lächelnd auf die Szenerie hinab. Außer Chris hatte es in dieser Gegend schon sehr lange keine wolfsgeborenen Werwölfe mehr gegeben. Er hoffte, dass diese beiden sich ab der Pubertät auch würden verwandeln können. Wann war die wohl bei Wölfen?
Sie würde es hoffentlich erleben.

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Geschmäcker sind verschieden

Inhaltsangaben/Content notes: Tiere (Wölfe, Wildschweine), totes Tier (kurze grafische Beschreibung), Verwesungsgeruch

Außer den leise in der Hitze zirpenden Grillen war kein Laut zu hören. Ein Lichtstrahl, der durch die Blätter des großen, ausladenden Kirschbaums fiel, traf genau ihre Augen. Unwillig knurrte sie, drehte sich zur Seite und rief dadurch ein weiteres wenig begeistertes Geräusch hervor. Das stammte aber nicht von ihr.
Verschlafen blinzelte sie in die Helligkeit und sah sich um. Tahir lag neben ihr im weichen Gras und grummelte vor sich hin – er war eindeutig noch nicht wirklich wach. Martina lag ein Stück weiter, kratzte sich wegen der Insekten, die sie im Schlaf gestochen hatten. Jan erleichterte sich gerade am Baumstamm und Matthias, der Neue, lag eingerollt in ihrer Mitte und schlief noch fest.
Wie spät mochte es wohl sein? Gähnend streckte sie sich und versuchte, anhand des Sonnenstandes die Uhrzeit abzuschätzen. Es war … na ja, irgendwann vormittags. Ohne Armbanduhr war sie bezüglich der Zeit völlig aufgeschmissen. Aber wer war das heutzutage nicht? Kein Grund, sich zu schämen. Ärgerlich war es allerdings schon: Wann kamen die anderen wohl, um sie abzuholen?
„Hey, Leute.“ Mit einem trägen Winken machte sie sich allen bemerkbar. „Weiß jemand von euch, wie lange es noch dauern könnte, bis wir eingesammelt werden?“
Jan kam zu ihnen herüber. „Schätze, noch ’ne Stunde“, brummelte er und rieb sich den Bauch. „Mann, ich hab so einen Hunger, ich könnte allein ein ganzes Schwein fressen.“
Sie grinste. „Das hast du heute Nacht auch versucht!“
Alle kicherten, auch Jan. „Hey, stimmt! Ist davon nicht noch was da?“ Voll neugewonnener Energie sah er sich um und sie tat es ihm gleich.
Die Wiese, auf der sie lagen, war von zahlreichen Obstbäumen bestanden. Die Kirschen des großen Baumes, unter dem sie den Vormittag verschlafen hatten, waren längst geerntet, doch in ihrer Nähe hingen einige Apfel- und Birnbäume voller prächtiger Früchte. Dennoch glitt ihr Blick einfach darüber hinweg. Ihr war mehr nach der Wildsau von letzter Nacht. Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie das herrlich warme Fleisch beinahe noch schmecken, die Textur auf ihrer Zunge spüren, fühlen, wie der Bissen ihre Kehle hinunterrutschte, wenn sie ihn verschlang …
Da! Jan entdeckte die Reste ihrer gestrigen Mahlzeit im gleichen Moment wie sie. Sie beeilte sich, wollte unbedingt vor ihm dort drüben ankommen, unter dem Pflaumenbäumchen, überholte ihn tatsächlich und … schlug sich würgend die Hand vor den Mund. Nicht nur der Anblick der aufgerissenen Bauchdecke war abstoßend, auch der widerliche Gestank, der von dem toten Tier ausging, raubte ihr fast den Atem. Betreten kehrte sie mit Jan unter den Kirschbaum zurück, wo ihr Tahir grinsend eine Birne entgegenstreckte.
„Keine Sorge. Mit der Zeit wird es leichter, sich daran zu erinnern, dass einem als Mensch nicht unbedingt das schmeckt, was man in Wolfgestalt lecker fand.“

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Ruhe

Inhaltsangaben/Content notes: Tiere (Wölfe, Hunde)

„Gleich müssten wir da sein!“ Aufgeregt beobachtete Nelli, wie ihre Positionsanzeige ihrem Ziel auf der Karte immer näher kam. „Ohne GPS hätten wir das nie gefunden!“
Tobias grinste. „Ich hätte das hier nicht mal als Straße erkannt!“ Er lenkte den großen Geländewagen über eine Piste, die man zuhause in Deutschland bestenfalls als selten benutzten Feldweg bezeichnen würde.
Sie erklommen einen der felsigen Hügel, die in dieser Gegend willkürlich aus dem Boden gewachsen zu sein schienen, und ließen oben gleichzeitig einen Laut der Ehrfurcht ertönen. Der Anblick, der sich ihnen bot, war atemberaubend: Nur wenige Meter tiefer, im Krater des ehemaligen Vulkans, befand sich ein kleiner See von einem so intensiven Himmelblau, dass man den eigenen Augen kaum trauen mochte.
„Unglaublich“, murmelte Tobias andächtig. Er stellte den Motor ab und Stille senkte sich über die Gegend.
„Dass es solche Farben wirklich gibt!“, sagte Nelli fasziniert. „Komm – angeblich ist das Wasser warm und man kann drin baden!“
Begeistert und voller Vorfreude stiegen die beiden aus und näherten sich dem unwahrscheinlich intensiv gefärbten Kratersee. Tobias machte gerade die Kamera bereit, als Nelli ihn am Arm berührte.
„Schau mal“, sagte sie und wies mit einer Hand ans gegenüberliegende Ufer. „Was ist das denn?“
Tobias kniff die Augen zusammen, konnte aber dennoch nichts als einen schwarzen Fleck erkennen. „Da treibt irgendwas im Wasser“, antwortete er. „Warte mal.“ Er sah durch den Sucher der Spiegelreflexkamera, die mit einem Teleobjektiv ausgestattet war.
„Und? Kannst du’s sehen?“
Tobias ließ die Kamera sinken und sah seine Freundin verblüfft an. „Da ist ein Hund im Wasser, glaub ich. Er bewegt sich aber nicht.“
Nelli griff nach dem Fotoapparat und warf selbst einen Blick durch den Sucher. „Du hast recht“, murmelte sie erstaunt. Sie sah Tobias unsicher an. „Meinst du, wir sollten nachschauen gehen? Vielleicht kann man ihn retten?“
Er biss sich auf die Unterlippe und sah wieder zum anderen Ufer hinüber. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich mach mir viel eher Gedanken, ob was mit dem Wasser nicht stimmt. Was, wenn es doch irgendwie giftig ist?“
Nelli wollte antworten, aber in diesem Moment ertönte ein Platschen und Schnaufen, weil der völlig durchnässte Hund sich regte und gemächlich zum Ufer zurückzupaddeln begann. Die beiden Menschen beobachteten erleichtert, wie das Tier sich gründlich schüttelte und zu einem Geländewagen trabte, den sie aufgrund seiner Farbe und Parkposition bisher völlig übersehen hatten. Kurz darauf setzte sich ein Mann hinters Lenkrad des Fahrzeugs und fuhr davon. Nelli und Tobias waren allein am himmelblauen See.
„Wie’s aussieht, baden hier nicht nur Menschen gern!“ Nelli lachte und sah ihren Freund dann verführerisch an. „Wir sind ganz allein. Sollen wir nackt rein?“

Viktors Herz klopfte immer noch wie wild, während er eilig sein Auto vom Vulkankrater hinunter und in Richtung seines Zuhauses lenkte. Da fuhr er extra fast eine Stunde, um seine Ruhe zu haben, und dann tauchten da Touristen auf! Dieses verdammte Google Maps führte die Leute langsam an jeden noch so verlassenen Winkel. Gut, dass er sie überhaupt entdeckt hatte! Hoffentlich hatten sie keine Fotos geschossen – insbesondere von seiner Rückverwandlung in einen Menschen.
Diese verdammte Technik. Irgendwann würde es gar kein Fleckchen mehr geben, an denen man sich als Werwolf einfach mal in Ruhe entspannen konnte.

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Musik

Inhaltsangaben/Content notes: Kinder (Teenager), Tiere (Wölfe)

„Warum hebst du diesen alten Mist bloß auf?“
Ela lachte über die Frage. „Ich hab schon meine Gründe“, antwortete sie augenzwinkernd und nahm ihrem Sohn Arif die Vinylplatte aus den Händen, um sie wieder sicher in der Papphülle zu verstauen.
Arif sah ihr mit verschränkten Armen dabei zu. „Mal ganz ehrlich“, sagte er dann, „die Dinger gehören ins letzte Jahrhundert. Ach was, ins letzte Jahrtausend! Komm schon, Mama – du kannst doch nicht jeden alten Mist aufheben, oder?“
Ela lachte. „Ich hab meine Gründe.“
Aber dieses Mal gab ihr Sohn sich damit nicht zufrieden. „Das sagst du immer. Ganz ehrlich, was für einen Vorteil haben die Dinger? Nenn mir einen! Sie sind sperrig, brauchen viel Platz und müssen in dieses riesige Monstrum gesteckt werden, wenn man sie abspielen will.“ Er zeigte mit abschätziger Geste auf den Plattenspieler, den Ela sich gekauft hatte.
„Sag das nicht“, tadelte sie ihn spielerisch. „Das ist kein Monstrum, das ist ein Laserplattenspieler.“ Stolz warf sie dem Gerät einen Blick zu. „Alte Tonabnehmer verwenden eine richtige Nadel, damit wären die Platten längst abgenutzt.“
Arif verdrehte ob des Vortrags die Augen. „Ja, ja, ich weiß. Aber was ist daran so viel toller als hieran?“ Er hob sein Smartphone. „Da geht im MP3-Format mehr Musik drauf, als du hier im Schrank hast – und da sind die Streamingdienste noch nicht mal mitgerechnet!“
Ein trauriges Lächeln stahl sich auf Elas Lippen. „Ich bin eben altmodisch.“

Sie war erleichtert, als ihr Sohn daraufhin endlich aufgab und ihr und dem Wohnzimmer den Rücken kehrte.
Den wahren Grund für ihre Liebe zu den alten Platten konnte sie ihm leider nicht offenbaren. Dass die MP3-Kompression Frequenzen löschte, die für das menschliche Ohr nicht hörbar waren, wusste er. Aber auch andere Spezies genossen Musik. Doch leider durfte Arif zu seinem eigenen Schutz nie erfahren, dass sein Großvater ein Werwolf gewesen war.

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Anders

Inhaltsangaben/Content notes: Kinder (Jugendliche), Schule, Ausgrenzung, Dating

„Was, echt jetzt? Schon wieder nicht?“ Larissa sah Sandra vorwurfsvoll an.
„Tut mir ja ehrlich leid.“ Annas Wangen brannten. Wie peinlich – insbesondere hier vor so vielen Leuten.
„Klar tut es das“, pflichtete Larissa ihr bei. Dann, als habe sie mit einem Mal einen Einfall, warf sie Sandra einen lauernden Blick zu. „… warum genau kannst du diesmal nicht mitkommen?“
Sandra holte Luft. Jetzt nur glaubhaft wirken! „Ich hab meinen Eltern schon vor Ewigkeiten versprochen, dass ich an diesem Abend –“
„Na klar“, unterbrach Larissa sie abfällig. „Deinen Eltern. Sorry, aber das ist die lahmste Ausrede aller Zeiten.“ Sie schenkte ihr ein geringschätziges Lächeln. „Weißt du, du könntest auch einfach zugeben, dass du nicht an Typen interessiert bist.“
Die Hitze in Annas Gesicht wurde noch stärker. „Das stimmt gar nicht“, widersprach sie. Aber sie merkte selbst, wie halbherzig ihre Beteuerung klang. Sie wusste, dass sie bereits verloren hatte.
„Das stimmt gar nicht“, äffte Larissa sie nach. „Also, das ist langsam sowas von offensichtlich! Süße, wir haben 2019 und du glaubst echt, wir verurteilen dich, wenn du lesbisch oder sonst was bist. Das ist echt scheiße von dir.“
Sandra wollte am liebsten im Boden versinken. „Also, das … Nein, ich … ähm …“, stammelte sie und hasste sich dafür, nicht die richtigen Worte zu finden.
Was war die beste Ausrede? Sollte sie nach dem Strohhalm greifen und behaupten, sie sei wirklich nicht an Männern interessiert? Aber was, wenn sie bei der nächsten Singleparty dann doch einen heißen Kerl kennenlernte? Sie würde ihn ziehen lassen müssen, um nicht als Lügnerin dazustehen. Das war auch keine Lösung.
„Ach, vergiss es“, sagte Larissa entschieden. „Weißt du, ich frag dich in Zukunft einfach nicht mehr. Selbst schuld.“ Mit diesen Worten ließ sie Sandra stehen und wandte sich jemand anderem auf dem Bahnsteig zu.

Die ganze Heimfahrt über fühlte Sandra sich elend. Sie hatte so lange darauf hingearbeitet, an der neuen Schule endlich akzeptiert zu werden. Sie wäre so gerne einfach Teil der Gemeinschaft, wollte mitfeiern, mitlachen, dazugehören. Doch zu dem Misstrauen, das ihr als der „Neuen“ ohnehin schon entgegenschlug, kam eben auch noch, dass sie anders war. Aber das konnte sie nicht offen zugeben.
Sie hatte dieses Versteckspiel so satt. Sie wollte nicht nur zuhause und unter ihren Freunden, sondern auch in der Schule einfach mal sie selbst sein können. Dort Freundschaften schließen, ein normales Leben führen. Ja, sie wollte normal sein. Warum musste denn ausgerechnet sie dieses Scheißschicksal treffen?
Manchmal hatte sie schon mit dem Gedanken gespielt, einfach die Wahrheit zu sagen. Wie Larissa sagte: Es war 2019 und die Leute waren eigentlich ziemlich aufgeklärt, wenn man von den älteren Generationen absah. Wäre es nicht möglich, dass man sie tatsächlich akzeptierte?

Nein, stellte sie ernüchtert fest und verbot sich weitere Tagträumereien. Manche Dinge würde die Menschheit vermutlich nie akzeptieren. Monster aus alten Horrorgeschichten gehörten da sicherlich dazu. Sie würde also weiter gute Mine zum bösen Spiel machen und einfach hoffen, dass die nächste Party nicht wieder auf eine Vollmondnacht fiel.

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Der Spezialtrupp

Inhaltsangaben/Content notes: Tiere (Wölfe), Soldaten, Zigaretten

„Was zum Teufel treiben die eigentlich immer?“
Arian wusste nicht, wovon Mark sprach, und folgte irritiert dem Blick seines Kameraden. Der war fest auf einen der Container gerichtet, in denen hier im Camp die Kommandantur ihre Büros hatte. Die Tür wurde gerade von innen geschlossen.
„Was meinst du?“ Arian hatte nicht erkennen können, wer dort hineingegangen war.
Mark runzelte die Stirn und zog an seiner Zigarette. Als er antwortete, wurden die Worte von Rauchschwaden begleitet. „Einmal im Monat ruft der Major seinen ‚Spezialtrupp‘ zusammen. Die kriegen dann irgendeinen Sonderauftrag und sind für die Zeit von allen anderen Diensten befreit.“
Arian wartete einen Moment, doch Mark sprach nicht weiter. „Und? Es bekommen doch immer mal wieder einzelne Trupps irgendwelche Sonderaufgaben.“
Zunächst erhielt er nur heiseres Lachen zur Antwort. Mark zog noch einmal an seiner Zigarette, dann erklärte er: „Das ist kein richtiger Trupp, Mann. Zwei Wachsoldaten, ein Feldjäger, eine Stabsärztin und jemand aus dem Lager. Oh, und der eine Typ aus der Unteroffizierskantine!“
Diese Zusammensetzung fand auch Arian ausgesprochen verwirrend. „Hä? Was sollen die denn zusammen machen?“
„Genau die richtige Frage, Kumpel“, murmelte Mark und behielt wieder den Bürocontainer im Auge. „Genau die richtige Frage.“
Stumm beobachteten die beiden, wie die wilde Mischung verschiedenster Dienstgrade und Truppengattungen das Büro verließ. Man unterhielt sich ungezwungen, lachte und verabschiedete sich, ohne den Beobachtern Beachtung zu schenken.
„Wohin gehen die?“, erkundigte Arian sich.
Mark warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie mit einer energischen Drehung seiner Stiefel aus. „Zu der Baracke hinten am Zaun.“
„Die, von der keiner weiß, wofür sie gut ist?“ Niemand hier hatte verstanden, warum dieser Behelfsbau direkt am das Lager umgebenden Stacheldrahtzaun gebaut worden war.
Mark nickte. „Ich hab nachher Wache“, raunte er seinem Kameraden leise zu. „Ich werd mal ein Auge drauf haben, wann die da wieder raus kommen. Vom Haupttor aus hat man das Ding ja ganz gut im Blick.“ Er zwinkerte Arian zu, grinste und ging.

Seine Beobachtungen an diesem Tag blieben jedoch wieder ergebnislos. Auch diesmal entgingen ihm die sechs Wölfe, die sich leise von der Rückseite des Containers aus in die Umgebung stahlen, um den Feind auszukundschaften.

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Feine Nase

Inhaltsangaben/Content notes: Tiere (Wölfe), food (Trüffel), Einbruch

Fahles Mondlicht fiel durch die kahlen Baumwipfel und beleuchtete schwach das verrottende Laub. Der monotone Klang des Regens wurde nur gelegentlich durch das Platschen eines größeren Tropfens unterbrochen, der von einem der Äste mitten zwischen die modrigen Blätter fiel. Und durch verstohlene Schritte, die sich leise durch die klamme Nacht schlichen.
Mit größter Vorsicht bewegte sie sich zwischen den Stämmen. Obwohl das Wetter fürchterlich und die Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet hier und jetzt jemandem zu begegnen, ziemlich gering war, musste sie so umsichtig wie möglich sein. Auf keinen Fall durfte man sie heute Nacht erwischen.
Zweifellos würde das Loch, das sie in den Maschendrahtzaun geschnitten hatte, früher oder später entdeckt werden. Doch bis dahin hoffte sie, mit ihrer kostbaren Beute längst über alle Berge zu sein. Ihr Auto stand nur einige Dutzend Meter vom Schlupfloch im Zaun entfernt – sobald sie hatte, was sie suchte, konnte sie innerhalb weniger Minuten wieder verschwinden.
Rastlos wanderten ihre Augen durch den kahlen Forst. Er sah in dieser verregneten Winternacht ausgesprochen trostlos. Wären die Stämme nicht mit Markierungen besprüht, würde man sich hier allzu leicht verlaufen. Aufmerksam suchte sie die Nummer, auf die sie es abgesehen hatte: 235.
Endlich fand sie die gesuchte Zahl. Sie prangte auf der Borke einer beeindruckend großen, alten Eiche, deren Äste sich so weit ausgebreitet hatten, dass alle anderen Bäume ein gutes Stück von ihr entfernt wuchsen. Verdammt. Das vergrößerte ihr Suchgebiet beträchtlich. Und die Stelle, an der die berühmte Trüffel wuchs, war auch nicht wie erhofft markiert.
Aufmerksam stand sie da und lauschte in die sie umgebende Dunkelheit. Einige Augenblicke vergingen, in denen der Regen auf ihren Parka traf, sich zu größeren Tropfen vereinigte und an dem wasserdichten Stoff hinunterrann. Die Stille bestätigte ihre Beobachtung: Die Wachen drehten ihre Runden nur selten. Man verließ sich hier darauf, dass die fehlenden Markierungen der Stellen, an denen die Trüffel wuchsen, einen Diebstahl unmöglich machten.
Man hatte eben nicht mit Ihresgleichen gerechnet. Für die feine Nase eines Wolfs war es ein Kinderspiel, den stark duftenden Pilz aufzuspüren und zielgerichtet danach zu graben. Mit einem breiten Grinsen öffnete sie den Reißverschluss ihres Parkas und begann, sich für die Verwandlung auszuziehen.

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Frieden

Inhaltsangaben/Content notes: Tiere (Wölfe)

Es war eine wundervolle Nacht. Die Luft war klar und trocken, roch nach dem ersten Heu, duftenden Blüten und dem nahen Wald. Der Mond stand in seiner ganzen Pracht am Himmel und beleuchtete die Umgebung fast so hell, als sei es Tag. Überall auf der Wiese, auf der sie miteinander herumgetollt waren, sobald die Tageshitze mit dem Sonnenuntergang endlich ein wenig abgenommen hatte, zirpten Grillen im Chor.
Lange hatten sie gespielt, Quatsch gemacht, gelacht und ihre gemeinsame Zeit genossen. Und dann hatten sie sich einfach so, wie sie waren, ins Gras fallen und die friedliche Umgebung auf sich wirken lassen.

Nun wachte er auf, weil ihn etwas an der Nasenspitze kitzelte. Mit einem leisen Knurren rümpfte er die Nase und versuchte, das, was ihn da berührte, mit einer leichten Kopfbewegung zu verscheuchen. Als es nicht half, öffnete er ein Auge, um den Störenfried zu identifizieren.
Der Anblick ließ ihn grinsen. Im Schlaf hatten sie sich eng aneinandergeschmiegt und die Wärme des jeweils anderen genossen. Irgendwann musste sie sich so gedreht haben, dass ihre Schwanzspitze nun direkt an seinem Gesicht lag. Als ob es Absicht wäre – doch ihr Atem ging immer noch ruhig und entspannt. Er wollte sie keinesfalls wecken und blieb daher ruhig liegen.
Ob sie im Traum Kaninchen nachjagte? Oder erinnerte sie sich an ihr Spiel und erlebte es ein weiteres Mal? Ab und zu zuckte ihr Schwanz leicht, sodass er sich sicher war, dass sie in Gedanken irgendeine Aktivität genoss.
Liebevoll schob er seine Nase in ihr Fell. Es war so voluminös, dass sie fast gänzlich darin verschwand, bis er endlich ihre Haut berührte. Dass er sie so berühren durfte, sie sogar eng an ihn gekuschelt tief schlief, zeugte von dem großen Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte und das er aus vollem Herzen erwiderte. Sie war ein wunderbarer Wolf. Eine großartige Persönlichkeit. Und seine wirklich beste Freundin.
Der leise Ruf einer Eule tönte vom Waldesrand herüber und weckte sie. Verschlafen hob sie den Kopf, sah ihn an und gähnte.
Alles okay, wollte er ihr sagen. Wir können noch eine ganze Weile schlafen. Der Tag ist noch weit. Da er es aber nicht aussprechen konnte, rieb er nur seinen Kopf an ihrem, leckte ihr liebevoll die Schnauze, gab ein beruhigendes Brummen von sich, und streckte sich wieder aus. Er würde diese Ruhe und den Frieden noch in vollen Zügen auskosten, bevor es Zeit wurde, wieder Mensch zu werden.

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Schimmel

Inhaltsangaben/Content notes: Food (Steak), Schimmel

„Schimmelfleisch?“ Julius sah den Metzger mit großen Augen an. „Echt jetzt?“
Der schmunzelte. „Die meisten reagieren erst mal so ungläubig. Aber versuchen Sie es doch mal – der Geschmack ist einzigartig!“
Julius verzog das Gesicht, als er auf das Preisschild sah. Er war zwar neugierig, aber das verschimmelte Fleisch war ganz schön teuer. „Klar schmeckt das anders“, erwiderte er grummelig. „Alles schmeckt anders, wenn’s schimmelt. Und das nicht unbedingt besser.“
Der Metzger schenkte ihm ein nachsichtiges Lächeln, was ihn ärgerte. Aber er wollte mehr erfahren, also beherrschte er sich und hörte weiter zu.
„Der Pilz wächst in einem speziellen Reifeprozess durch die Zellstruktur des Fleisches hindurch“, erklärte der Mann hinterm Tresen. „Dabei metabolisiert er nicht nur Teile des Muskels und lagert Stoffwechselprodukte ab, sondern lockert auch die Zellstruktur auf, was zu einer unglaublichen Zartheit und einzigartigen Textur führt.“
Meine Güte. Wenn in seiner Küche jemand so geschraubt daherlabern würde, könnte er sich von Julius aber was anhören. Wäre das hier nicht die mit Abstand beste Metzgerei im Umkreis, würde er seine Meinung auch äußern, aber das war’s vermutlich doch nicht wert.
„Aha“, murmelte er also nur, während er überlegte, ob er dieses Schimmelfleisch echt mal probieren sollte. Der Hotelmanager stieg ihm eh schon aufs Dach, weil er unbedingt was Neues anbieten wollte. Der hielt seinen Laden für eine piekfeine Adresse. Gut, er bezahlte Julius auch dementsprechend, also konnte es ihm egal sein.
Entschlossen nickte er. „Packen Sie davon mal was ein. Zum Probieren. So 200 Gramm etwa.“ Er dachte kurz nach. „Nein, zwei Stück à 200 Gramm.“ Sicher war sicher.

Zwei Stunden später stand er zuhause in der kleinen Einbauküche und betrachtete die beiden Steaks, die der Metzger ihm abgeschnitten hatte. Sie waren von der Schimmelkruste befreit und hatten nicht die kräftige dunkelrote Farbe von gewöhnlichem Rindfleisch, sondern wirkten eher bräunlich. Aber sie fühlten sich tatsächlich gut an. Weich. Und der Geruch war wirklich einzigartig.
Nachdenklich schnupperte er an seinen Fingern. Er glaubte, den Duft von Erde ausmachen zu können. Waldboden vielleicht. Und … nein … oder doch? Er leckte die Spitze seines Zeigefingers ab.
Ach, verdammt! Er konnte so nicht richtig riechen. Ein so seltsames, einzigartiges Fleisch musste er mit allen Sinnen wahrnehmen!
Kurzerhand ließ er den Rollladen des Küchenfensters herunter und zog sich aus. Dann wandte er sich wieder der Ablagefläche zu. Noch in der Bewegung wurde er Wolf und schnappte mit seinen Fängen nach einem der Steaks, um es zu erforschen, seinen Geruch und Geschmack nicht nur mit den schwächlichen Sinnen eines Menschen aufzunehmen. Und ja, er schmeckte so viel mehr, so viele Details: den Pilz, etwas wie Waldboden nahe Eichen, Mais und Heu, mit denen das Rind gefüttert worden war, … Gierig verschlang er das köstliche Stück Fleisch und leckte sich die Schnauze. Wundervoll! Neu! Einzigartig!
Mit schierer Willenskraft wandte er sich vom zweiten Steak ab und wurde Mensch. Noch einmal leckte er sich über die Lippen, spürte dem Nachgeschmack des rohen Fleisches nach, der er jetzt wieder nur schwach wahrnehmen konnte.
Er lächelte. Als Koch hatte es durchaus Vorteile, Werwolf zu sein.

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