Experimente

Inhaltsangaben/Content notes: Alkohol, Tiere (Wölfe)

Meine Güte, hatte sie Kopfschmerzen! Nur mit sehr viel Mühe öffneten sich ihre Augen und schlossen sich sofort wieder, als sie das schrecklich grelle Licht des Morgens erblickten.
„Oh, sie ist wach!“
Schritte näherten sich. Unwillig knurrte sie, was in ihrer trockenen Kehle aber zu einem eher lächerlichen Krächzen wurde.
Jemand kniete neben ihr nieder. „Na, wie geht es dir?“
Neben ihr? Wo war sie eigentlich genau? Verwirrt probierte sie das mit dem Blinzeln noch einmal, spähte unter stark zusammengekniffenen Lidern hervor und versuchte, ihre Umgebung und ihre Erinnerungen irgendwie in Einklang zu bringen.
Sie sah grün. Gut, das war schon mal ein Anfang. Durch mehrmalige Wiederholung des Blinzelns wurde ihre Sicht klarer. Ein Garten. Der Garten ihrer Eltern! Sie lag dort auf dem Boden. Ein vorwitziger Grashalm schob sich in ein Nasenloch und löste damit ein Niesen aus, das die Schmerzen in ihrem Kopf zusätzlich befeuerte. Unglücklich verzog sie das Gesicht.
Ein Gutes hatte der Niesreflex jedoch: Er machte die Nase frei. Sofort erreichten sie die Gerüche von Gras, feuchter Erde, den Überresten eines inzwischen erkalteten Lagerfeuers und verschüttetem Bier. Gleichzeitig stürzten die Erinnerungen auf sie ein und sie verstand, was los war: Sie hatte einen Kater. Mit einem wenig begeisterten Knurren schloss sie die Augen wieder.
„Ah ja, so mies also.“ Jonas, der Jemand neben ihr, lachte laut, was ihr ein erneutes Murren entlockte. Sie rechnete ihrem Kumpel zwar hoch an, dass er nach der Party gestern geblieben war und offenbar auf sie aufgepasst hatte, aber seine lautstarke Lache war ihr heute Morgen nicht besonders willkommen.
Ob auch die anderen noch hier waren? Mühsam und mit unbedingter Vorsicht drehte sie den Kopf ein wenig, um einen Blick in Richtung der Feuerstelle zu werfen. Schlafsäcke verrieten, dass außer Jonas auch Markus und Katja hier übernachtet hatten. Nett von ihnen. Auf solche Freunde konnte man sich verlassen.
„Gut, dass deine Eltern noch nicht wieder hier sind“, sagte Markus, der ihren Blick bemerkte, mit einem breiten Grinsen. Gemeinsam mit den beiden anderen war er gerade dabei, die Gläser, Flaschen und Schüsseln einzusammeln. „Du hast noch zwei Stunden, um wieder halbwegs nüchtern zu werden.“
Scheiße. Dann blieb ihr wohl keine andere Wahl. Sie kämpfte sich auf alle viere und hielt inne, um dem Schwindelgefühl Herr zu werden. Klappte das so? Ja, sah ganz gut aus … Nein, doch nicht! Schreckliche Übelkeit stieg in ihr auf und sie rannte so schnell wie möglich zum nächsten Gebüsch.

Mitleidslos sah Katja zu dem Busch hinüber, zuckte die Achseln und grinste die anderen beiden an. „Sieht so aus, als hätte die Internetrecherche recht damit, dass Wölfe Alkohol nicht so gut verstoffwechseln können. Glaubt ihr, sie schafft es, sich zurückzuverwandeln, bevor ihre Eltern heim kommen?“

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Verwandtschaft

Inhaltsangaben/Content notes: Überfall, Tiere (Wölfe)

Unbehaglich sah er sich um. Seit geraumer Zeit hatte er das Gefühl, verfolgt zu werden, doch egal, wie oft er über seine Schulter blickte, er konnte niemanden entdecken. Mitten in der Stadt, wo auch zu so später Stunde noch viel Volk auf den Straßen unterwegs war und zahlreiche Laternen die Umgebung erleuchteten, war das Gefühl noch nicht so stark gewesen. Doch es wurde intensiver, je mehr er sich den dunkleren und engeren Gassen des Standrandgebiets näherte.
Da! Hatte er nicht einen Schatten gesehen, der sich in den engen Spalt zwischen zwei Häusern zurückgezogen hatte? Angestrengt sah er hin. Das Geräusch verstohlener Schritte drang an sein Ohr. Nun bekam er es wirklich mit der Angst zu tun und beeilte sich noch ein wenig mehr.
„Stehenbleiben!“ Die zischende Stimme war nicht laut, doch auf ihn hatte sie dieselbe Wirkung wie ein gebrüllter Befehl: Er erstarrte vor Angst wie ein Kaninchen im Angesicht des Wolfs und sah furchtsam auf die Gestalt, die hinter der nächsten dunklen Ecke hervorkam. Ein langer Dolch reflektierte das bisschen Licht, das aus dem Fenster eines der Häuser in der Umgebung fiel. Da endlich löste sich seine Starre, er drehte sich um, um zu fliehen – und sah hinter sich einen weiteren Mann mit einem Dolch bereitstehen. Er war genau in eine Falle gelaufen!
„Flucht ist sinnlos, du Bestie!“ Auch der zweite Angreifer hielt seine Stimme gedämpft, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Wir wissen, was du bist, und sind vorbereitet.“ Mit einem kalten Grinsen hob er den Dolch. „Versilbert.“
Dieses eine Wort ließ sein Herz für einen Moment vor Schreck aussetzen. Silber verhinderte die beschleunigte Heilung, die seiner Spezies zum Vorteil gereichte. Was blieb ihm nun noch? Er fasste Mut, versuchte, seine Angst zu verbergen, und richtete sich stolz auf. „Flieht, so lange ihr könnt, und ich verschone euch!“
Doch vor wie hinter ihm erklang abfälliges Gelächter. Der Mann in seinem Blickfeld trat einen Schritt näher und hob die Klinge. „Wir wissen, dass du dich an Neumond nicht verwandeln kannst, du Untier.“
Sie wussten es? Woher? Es war das bestgehütete Geheimnis der Werwolfwelt. Wenn die Angreifer darüber Bescheid wussten, war er verloren. Ohne Waffen war er heute hilflos. Schicksalsergeben und verzweifelt zugleich lehnte er sich an die nächstgelegene Hauswand und erwartete seinen Tod.
Die Tür des Hauses, aus dessen Fenster schwacher Lichtschein drang, öffnete sich unvermittelt und eine ältere Frau mit einem großen Korb, aus dem allerlei Werkzeug ragte, trat geräuschvoll und umständlich auf die Straße. Die Angreifer beeilten sich, ihre Dolche zu verbergen, doch anstatt an ihnen vorbeizugehen, sprach die Frau sie an.
„Was macht ihr denn hier in dieser Gegend?“
Einer der Männer legte dem hoffnungslos dreinblickenden Werwolf jovial einen Arm um die Schultern. „Wir kommen hier nur zufällig vorbei, Mütterchen. Einen schönen Abend wünschen wir noch.“ Er wollte den Gestaltwandler mit sich ziehen, doch die Frau trat ihm in den Weg.
„Jannis? Ich habe dich fast nicht erkannt, so lange habe ich dich nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?“
Erstaunt sah der Werwolf auf. Ja, tatsächlich, er kannte diese Frau. Sie war die Schwester eines älteren Rudelmitglieds, das vor einigen Jahren Jägern zum Opfer gefallen war. Doch bevor er etwas antworten konnte, spürte er, wie sich die Spitze eines Dolches in seinen Rücken bohrte.
„Ihr irrt euch, Mütterchen.“ Die Stimme des ersten Angreifers wurde nun scharf. „Geht eurem Tagwerk nach und behelligt uns nicht weiter!“
Aber anstatt dem Mann zu gehorchen, stellte die Frau ihren Korb ab und stemmte die Hände in die Hüften. Einen Moment lang musterte sie die beiden Männer mit zusammengekniffenen Augen, dann hob sie ihre Stimme und rief laut: „Magda! Maria! Beata! Johanna! Kennt ihr diese Fremden, die hier in unserer Gegend umherstreifen?“
Einige Momente verstrichen, dann öffneten sich nach und nach weitere Türen, die in diese Gasse mündeten, und ein gutes Dutzend Personen trat auf die Straße. Immer mehr Menschen umringten die drei Männer, schweigend, doch durch ihre schiere Anzahl eine klare Botschaft formulierend.
Die beiden Angreifer verzogen ihre Gesichter, traten aber wortlos den Rückzug an, als die Menschenmenge sich still teilte und ihnen einen Ausweg anbot. Nur Jannis blieb inmitten der vielen Leute zurück.
„Danke“, murmelte er verlegen und sah zu Boden.
Die Menschentraube löste sich langsam auf. Einige berührten ihn an den Schultern oder Armen, bevor sie wieder in ihren Häusern verschwanden, als seien sie nie dagewesen. Nur die Frau, die als Erste ihr Heim verlassen hatte, stand am Ende noch mit ihm auf der Straße.

„Wer seid Ihr?“ Jannis‘ Stimme durchbrach die fast heilig anmutende Stille der Gasse.
Die Frau hob ihren Korb an. „Wer wir sind? Erkennst du deine eigene Verwandtschaft nicht, Wolf?“ Sie lächelte. Dennoch lag auch Wehmut in ihren Zügen. „Wir sind nicht nur nutzlose Menschen, Wolf. Wir gehören ebenso zu euch wie ihr zu uns. So stark ihr auch sein mögt – in Nächten wie diesen sind wir es, die euch beschützen. Vergiss das nicht.“ Sie nickte ihm noch einmal zu, bevor sie ohne weiteren Kommentar wieder in ihrem Haus verschwand.
Und zum ersten Mal in seinem Leben verstand Jannis den Wert, den menschliche Werwolfverwandten boten.

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Träume

Inhaltsangaben/Content notes: Tiere (Wölfe), Sexismus

Fasziniert sahen sie auf das Objekt, das in weiter Ferne immer höher und höher in den Himmel stieg und dabei auf einer langen, dichten Wolke zu reiten schien.
„Glaubst du, sie schaffen es?“ Mary hielt ihren Blick fest auf die Rakete gerichtet.
Jane lächelte. „Ja.“
„Wie lange wird es dauern, bis sie dort sind?“
„Drei Tage.“ Sie hatte jedes Detail der Mission genau im Kopf.
Mary seufzte. Die Sehnsucht, die in diesem Laut lag, hallte auch in Janes Brust wider. Als sie sie ansah, glänzten ihre Augen. „Kannst du dir vorstellen, wie es ist, auf der Oberfläche des Mondes zu stehen?“, flüsterte Mary ehrfürchtig.
Jane dachte kurz über die Frage nach. „Nein“, erwiderte sie dann wahrheitsgemäß. „Bestimmt seltsam. Wegen der veränderten Schwerkraft und so.“
„Ich stelle es mir unglaublich faszinierend vor“, schwärmte Mary. „Die Kraterlandschaften, die man von den Fotos kennt. Wie tief sinken die Füße wohl in den Staub dort ein? Wie hell ist es wirklich? Kann man die Erde sehen? Und wie fühlt es sich an?“ Sie wurde immer aufgeregter, je mehr sie sagte.
„Was meinst du mit ‚anfühlen‘?“ Jane sah ihre Kollegin verwundert an. „Wenn man sich dort bewegt?“ Sie glaubte doch hoffentlich nicht an diesen New-Age-Quatsch, der besagte, dass das Mondlicht besondere Wirkung habe?
„Äh … ja, genau. Glaubst du, die Simulationen im Wassertank kommen der Realität nahe?“ Marys Wangen färbten sich ein wenig dunkler.
Diese Antwort beruhigte Jane. Ein trauriges Lächeln spielte um ihre Lippen. „Keine Ahnung. Wir werden es nie ausprobieren können, solange die NASA uns nur für Berechnungen und Bürokratie einsetzt.“ Dann hob sie herausfordernd das Kinn. „Aber eines Tages wird es so weit sein! Wir Frauen haben schon bewiesen, dass wir als Ingenieurinnen und Mathematikerinnen taugen – irgendwann werden wir auch Astronautinnen!“
Schweigend sahen sie zu, wie die erste Stufe der Rakete abgesprengt wurde und in zwei Teilen langsam wieder zur Erde hinunterfiel. Der Teil, der die drei Astronauten dem Mond entgegentrug, war weiterhin korrekt auf Kurs und stieg immer weiter dem Weltraum entgegen.

Während Jane davon träumte, eines Tages ins All zu fliegen, wusste Mary, dass sie die Erde niemals verlassen würde. Nicht nur, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass die NASA weibliche Astronauten suchen würde, so lange sie noch fit genug für diesen Job war, sondern auch, da sie es nicht wagen würde, sich dem Mond so sehr zu nähern. Er beeinflusste sie schon auf der Erde so stark! Was würde wohl geschehen, wenn …
Sie schüttelte den Kopf und lächelte schwach. Die Vorstellung einer Werwölfin in der Raumkapsel war einfach zu absurd.

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Rache

Inhaltsangaben/Content notes: Tiere (Wölfe), Mord, Rache

„Na sieh mal einer an. Ich hätte nicht gedacht, dass du so leicht einzufangen bist.“
Er antwortete nicht, hob noch nicht einmal den Kopf, sondern ließ sich weiter von den beiden Typen aufrecht halten, die seine Arme gepackt hielten. Die letzten Tage waren außerordentlich anstrengend gewesen, da war es beinahe eine Wohltat, sich so hängen zu lassen. Und es machte den beiden Kerlen das Leben ein bisschen schwerer. Gut so.
Der Adlige, der mit einem makellosen, glänzenden Rapier vor seiner Nase herumwedelte und seinen Blick vom staubigen Boden auf sich zu ziehen versuchte, kam noch einen Schritt näher. Seine Stimme triefte vor Verachtung, als er ihn erneut ansprach. „Du bist sogar als Mensch nur ein räudiger Köter. Kannst du dich eigentlich selbst riechen? Das ist ja widerlich!“ Er ging einmal um seinen Gefangenen herum. „Abstoßend, wie du hier rumläufst!“ Dann wandte er sich an die beiden Fußsoldaten. „Sorgt dafür, dass er was anhat, wenn ich ihn nachher zum Verhör im Kerker sehe. Hier gelten Regeln!“ Mit einer schneidigen Bewegung drehte er sich um und stolzierte davon.
Für einen kurzen Augenblick verzog der Gefangene verächtlich die Lippen, als die beiden Männer ihn davonzerrten.

„Rede gefälligst“, befahl der Adlige zwei Stunden später in barschem Ton. „Wie viele von euch gibt es noch?“
Im Blick des Gefangenen loderte Hass. Er hatte bisher beharrlich geschwiegen, doch als ihn nun die Faust eines Soldaten in den Magen traf, schnappte er nach Luft und knurrte.
„Ach ja.“ Der Adlige lächelte. „Ich hatte ja fast vergessen, dass ich mit einem räudigen Köter rede und nicht mit einem vernünftigen Menschen. Obwohl du nicht ganz so dumm bist, wie deine Freunde es waren, nicht wahr? Immerhin hast du es geschafft, wegzulaufen.“ Er lachte höhnisch.
Obwohl der Gefangene sich fest vorgenommen hatte, sich nicht reizen zu lassen, loderte bei diesen Worten unbändige Wut in ihm auf. Im Stich gelassen! Nein, er hatte sein Rudel nicht im Stich gelassen. Seine Freunde, seine Familie, waren bereits tot gewesen. Beim letzten Vollmond hatte dieser Mensch sie mit seinen Soldaten dahingemetzelt. Gegen so viele gut gerüstete und mit Piken bewaffnete Männer hatte das knappe Dutzend Wölfe keine Chance gehabt. Er hatte das gewusst. Sie hatten das gewusst. Das Einzige, was ihm geblieben war, war, sie zu rächen.
Und diese Zeit war nun gekommen.
„Wenn hier jemand dumm ist, dann bist du es!“ Er spuckte dem Adligen die Worte förmlich ins Gesicht, der ob des plötzlichen Selbstbewusstseins seines Gefangenen irritiert wirkte. „Wie viele wir sind? Mehr, als du ahnst!“
Die Herausforderung in seinen Worten verärgerte sein Gegenüber sichtlich. Der Mann hob drohend sein Rapier. „Wie kannst du es wagen? Du Kreatur solltest wissen, wo dein Platz ist!“
Der Gefangene lachte freudlos auf. „Kreatur …“ Er sprach das Wort langsam aus, als koste er es auf seiner Zunge, spüre dem Gefühl nach, das es hinterließ. „Weißt du überhaupt, was wir sind?“
Zorn zeigte sich in den Augen des Adligen. Er schnaubte. „Dumme Bauern seid ihr, die sich zu Vollmond in nutzlose Wölfe verwandeln und mein Wild reißen! Aber weißt du was?“ Grinsend beugte er sich herunter und schaute dem Gefangenen mit einem überlegenen Grinsen direkt in die Augen. „Du wirst mir ab jetzt dabei helfen, deine Freunde zu finden, zu jagen …“, er ließ eine kurze Pause folgen, „… und sie ein für alle Mal auszulöschen!“
Das leise Lachen des nun plötzlich völlig ruhigen Gefangenen jagte allen Anwesenden einen Schauer über den Rücken. „Wer jagen will, sollte seine Beute kennen.“ Er zeigte ein gefährliches Grinsen und richtete sich zu voller Größe auf. Die Soldaten wichen unwillkürlich ein Stück vor ihm zurück und beobachteten mit schreckgeweiteten Augen, wie sein Mund sich zu einer Schnauze verlängerte, Fell aus seiner Haut spross und sein Körper sich zu dem eines großen Werwolfs veränderte.
Dann schlug er zu.

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Strandspaziergang

Inhaltsangaben/Content notes: Kinder, Sturm, Tiere (Wölfe)

Besorgt wandte sie sich um und warf einen Blick in die Landschaft hinter ihr. Je weiter sie ins Inselinnere blickte, desto stärker waren die Sandhügel mit windgepeitschtem Gras bewachsen, wurden zu stabilem Untergrund, auf dem gut 350 Meter von ihr entfernt einige kleine Gebäude standen. Um diese Jahreszeit und bei diesem Wetter war zwar nicht zu erwarten, dass sich jemand für einen Spaziergang an den Strand verirrte, aber man wusste nie.
Fröstelnd zog sie den Parka enger um ihren Körper und sah wieder auf den Kiesstrand hinunter. Dort spielte ihre Tochter Marie. Sie war so sehr auf den gelben Tennisball fokussiert, dass sie weder die Böen des Herbststurms noch das Donnern der Wellen, die sich nur langsam auf dem Strand verliefen, wirklich wahrzunehmen schien. Sie schob den Ball hin und her, quietschte vergnügt, wenn eine Unebenheit das Spielzeug wie von selbst in Bewegung versetzte und sie es wieder einfangen konnte.
Die Wolken, die sich aus westlicher Richtung näherten, waren schwarz wie die Nacht und türmten sich bedrohlich auf. Tanjas Gefühl sagte ihr, dass ihnen ein wirklich heftiger Sturm bevorstand. Angst breitete sich in ihrem Magen aus. Nun würde sich zeigen, ob das kleine Häuschen, das sie hier mit ihrem Mann als Unterschlupf errichtet hatte, den Gewalten der Natur standhalten konnte. Ihre Nachbarn hatten sich über die Hütte amüsiert, insbesondere darüber, welchem Zweck sie dienen sollte – etwas, das man auf einer so kleinen Insel natürlich nicht geheimhalten konnte. „Kein vernünftiger Mensch ist bei dem Wetter drüben auf der Düne“, hatten sie lachend erklärt. „Du siehst doch rechtzeitig, wenn ein Unwetter kommt – dann fährst du eben schnell wieder rüber in dein sicheres Haus! Ist ja nicht weit!“ Sie konnten sich nicht vorstellen, dass die relative Einsamkeit der Düne manchen Leuten gefiel.
Sie ließ einen durchdringenden Pfiff ertönen, um Maries Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Komm“, rief sie gegen den Wind.
Doch die Kleine wollte nicht. Obwohl sie ihre Mutter auf deren Signal hin angesehen hatte, wandte sie ihr nun demonstrativ den Rücken zu und tat so, als existiere nur ihr Tennisball.
Tanja fühlte sich innerlich entsetzlich zerrissen. Einerseits wollte sie Marie so gerne noch ein bisschen spielen lassen. Diese Momente waren so selten, so kostbar. Andererseits wurde die Situation immer gefährlicher. Sie mussten unbedingt in den Unterschlupf!
Sie pfiff ein weiteres Mal durchdringend, doch diesmal sah Marie nicht einmal zu ihr hinüber. Damit ließ sie ihrer Mutter keine andere Wahl. Tanja zog seufzend Leine und Halsband aus der Tasche und ging ihre widerspenstige kleine Werwölfin einfangen.

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Sinne

Inhaltsangaben/Content notes: Blindheit, Tiere (Wölfe)

Vorsichtig tastete Andrea sich Schritt um Schritt voran. Er hasste den Herbst. Überall lag Laub herum, die Blätter türmten sich in Schichten und waren einfach nur im Weg. In der Stadt war das ja kein großes Problem, dort wurden die Gehwege regelmäßig gefegt, doch hier, auf dem schmalen Waldweg, tat das natürlich niemand. Nicht, dass er das nicht verstand, dennoch ärgerte er sich gerade darüber, weil es guttat, seine Frustration auf etwas Konkretes richten zu können.
Eigentlich müsste er den kleinen Rastplatz, wo sie sich verabredet hatten, doch längst erreicht haben, oder? Unsicher blieb er stehen und lauschte, aber alles, was er hörte, war das monotone Rauschen des Winds in den Blättern. Wie weit war es noch bis zu der Biegung, hinter der der Treffpunkt lag? Laut seiner Zählung hatte er schon mehr Schritte zurückgelegt als normalerweise nötig … Nein. Nein, heute ging er sehr viel vorsichtiger als sonst, um auf dem nassen, schlüpfrigen Laub nicht auszurutschen. Er würde die Kurve zweifellos gleich erreichen. Ganz sicher.
Ein Rascheln in seinem Rücken ließ ihn innehalten. Was war das? Ein Tier im Gebüsch? Kaum, dass er darauf achtete, erstarb das Geräusch. Vielleicht waren es ja nur fallende Blätter gewesen … Oh, er hasste den Herbst! Und er trieb sich schon viel zu lange auf diesem Weg herum. Es wurde Zeit, dass er den Rastplatz erreichte!
Entschlossen packte Andrea den Griff seines Stockes fester, bewegte dessen Ende immer über dem schmalen Grasstreifen, der für ihn die Mitte des Waldwegs markierte, und schritt zügiger aus. Er war diesen Weg schon so oft gegangen, es wäre doch gelacht, wenn er nicht innerhalb weniger Minuten sein Ziel –
Vor lauter Schreck schrie er kurz auf, als sein Fuß wegrutschte und er ins Straucheln geriet. Sein Stock, sonst eine Hilfe im Alltag, verfing sich durch die plötzliche Bewegung zwischen den Grasbüscheln und behinderte seine Ausweichbewegung, sodass er haltlos mit den Armen rudernd zur Seite kippte. Instinktiv schloss er die nutzlosen Augen, als er im Fallen die ersten Zweige berührte.
Doch sein Sturz endete ebenso abrupt, wie er begonnen hatte. Er hörte ein Keuchen, als er auf eine starke, mit dichtem Fell bewachsene Brust traf. Zwei Pfoten, die gegen seine Hüfte gestemmt wurden, stabilisierten ihn, sodass er sein Gleichgewicht wiederfand und sich mit klopfendem Herzen wieder aufrichtete.
Der Geruch nach nassem Hund und das charakteristische Hechelgeräusch verrieten ihm eindeutig, wer ihn da vor dem Fall bewahrt hatte. Er legte dem großen Wolf, der immer noch auf den Hinterbeinen vor ihm stand und sich an ihn lehnte, eine Hand auf die Schulter.
„Danke, Alex“, sagte er und lächelte. „Diese verdammten Herbstblätter sind echt rutschig. Begleitest du mich zu den anderen?“
Ein zustimmendes Brummen ertönte und der Wolf ging wieder auf alle viere, hielt sich dicht bei ihm und lotste ihn um die hinderlichsten Stellen herum.
Andrea war froh, dass Alex ihn gefunden hatte. So war alles viel einfacher. Gleich würde er bei den anderen sein. Er konnte es kaum erwarten, sich dem Rudel anzuschließen, endlich auch die Gestalt zu wechseln. Manchmal wünschte er, er könnte dauerhaft in Wolfsgestalt leben: Der exzellente Geruchssinn, sein feines Gehör und die großartigen Tasthaare an der Schnauze glichen die verlorene Sehkraft beinahe aus.

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Inklusive Adventsgeschichte 2020

Beim Belletristica-Adventskalender findet ihr heute meinen Beitrag: Eine inklusive Geschichte über zwei Leute, die sich ohne die Pandemie vermutlich nie kennengelernt hätten.

Wenn es etwas gibt, das mir bei Geschichten im Allgemeinen am Herzen liegt, dann ist es Inklusivität. Ich möchte gerne, dass alle Menschen ein paar Geschichten finden, in denen sie sich selbst wiedererkennen können oder in denen ihre Lebensumstände als Teil unserer Kultur wiedergegeben werden. Darum arbeite ich daran, auch in meinen Geschichten immer wieder Menschen vorkommen zu lassen, die irgendeiner Minderheit angehören und deren Existenz aber nicht darauf beschränkt wird. Interessante Figuren, die eben zufällig nicht dem 08/15-Klischee entsprechen.

Natürlich bin ich sehr weit von Perfektion entfernt. Ich habe zwei besonders große Schwachpunkte, um die ich weiß und die ich auch gerne angehen möchte: Die Hautfarbe meiner Figuren wird praktisch nie erwähnt, weswegen sie mit Sicherheit von den meisten Leuten weiß gelesen werden (von mir leider meist auch), und Armut als Hindernis kommt auch praktisch nie vor. Diese beiden Themen möchte ich unbedingt mehr in meine eigene Schreiberei inkludieren.

Bei Belletristica wurde auch dieses Jahr von einigen Usern wieder ein Adventskalender organisiert. Während ich von einigen Geschichten des letzten Jahres enttäuscht war, bin ich dieses Jahr wirklich sehr begeistert und möchte euch die Geschichten unbedingt ans Herz legen. Sie lohnen sich bisher alle! Ihr könnt hier eine Linksammlung zu allen veröffentlichten Geschichten aufrufen.

Heute, am 15. Dezember 2020, ist mein eigener Beitrag zum Adventskalender dran. Ich habe eine Kurzgeschichte über zwei Personen geschrieben, die aufgrund der Pandemie nicht wie gewohnt Weihnachten feiern können. Glücklicherweise führt sie jedoch genau dieser Umstand zusammen, denn sonst hätten sie sich vielleicht nie kennengelernt. Ihr könnt die Geschichte hier bei Belletristica lesen, die geschätzte Lesedauer liegt bei 12 min. Ich wünsche viel Spaß!

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Hoffnung

Inhaltsangaben/Content notes: Kinder (Teenager), Tiere (Wölfe)

„Ich muss gar nichts!“
Wutentbrannt stürmte Luisa aus dem Raum und knallte die Tür so fest hinter sich zu, dass ihre Eltern zusammenzuckten.
„Das war … heftig“, meinte Florian ruhig und sah seine Frau an.
„Heftiger als sonst“, bestätigte Cora und nickte nachdenklich. „Worum ging es eigentlich?“ Sie war nach einem langen Arbeitstag gerade erst zuhause angekommen.
Florian verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. „Um die Ungerechtigkeit Erwachsener, die sich erdreisten, einen in die Welt zu setzen und dann auch noch verlangen, dass man Aufgaben übernimmt.“
Cora nickte, ging in den Flur, um ihre Jacke aufzuhängen, und kam dann zu ihrem Mann zurück. „Welche Aufgabe wolltest du ihr denn übertragen?“
Nun grinste er. „Die Hausaufgabe.“ Nach einem halb amüsierten, halb frustrierten Seufzen ließ er sich auf einen Stuhl sinken. „Sie meint, es sei ‚total hirnrissig‘, den ‚Scheiß‘ schon am Freitag zu machen, wenn man doch das ganze Wochenende Zeit hätte.“
Er sah erschöpft aus, fand Cora. Wie lange hatten sich ihre beiden Lieblinge wohl schon gestritten? Sie wusste, dass ihr Mann zum aktuellen Zeitpunkt ohnehin recht reizbar war und sich sehr zusammennahm, um das nicht an seiner Familie auszulassen. Bisher hatte Luisa darauf immer Rücksicht genommen. Tja … dann war es wohl soweit.
„Sie kommt in die Pubertät“, sprach sie ihren Gedanken laut aus, während sie hinter Florians Stuhl trat und begann, ihm die Schultern zu massieren.
„Hmmm“, brummte ihr Mann. Es blieb unklar, ob er damit Zustimmung zu ihren Worten oder ihrer Zuwendung ausdrücken wollte.
Schweigend fuhr sie mit den Händen über Florians Schultermuskulatur, drückte an den Stellen, die ihr verhärtet vorkamen, fester zu und genoss das Gefühl seiner Entspannung und die Ablenkung, die ihr diese Tätigkeit bot.
Doch ihr Mann brachte sie wieder zu dem Thema zurück, dem sie seit Jahren aus dem Weg ging. „Ja. Hört sich ganz nach Pubertät an“, beantwortete er endlich ihre Frage. Dann wandte er sich ihr zu, ergriff ihre Hand und zog sie auf seinen Schoß. „Ich weiß, dass dir der Gedanke nicht behagt“, murmelte er und strich ihr zärtlich übers Haar. „Du hättest sie gern ewig als dein kleines Mädchen behalten. Ich auch, glaub mir.“ Er lächelte.
Sie legte ihren Kopf auf seine Schultern und blickte nachdenklich in die Ferne. „Ich … Es könnte sich so vieles verändern.“ Sie schloss die Augen, als sein leises Lachen tief in seiner Brust vibrierte, und genoss das Gefühl seiner Umarmung.
„Es wird sich vieles verändern!“, bestätigte er. „Sie wird anfangen, auszugehen und viel zu spät nach Hause zu kommen.“
Nun stahl sich ein Grinsen auf ihre Lippen. „Höre ich da väterlichen Neid auf künftige Verehrer?“
„Hm. Ein bisschen vielleicht“, gab er schmunzelnd zu. „Aber ich werde gut auf sie aufpassen, wenn wir gemeinsam unterwegs sind.“
Cora hob den Kopf und sah ihm mit ernstem Blick in die Augen. „Ich bin gespannt, ob sie eher nach mir oder eher nach dir kommt.“
Sanft strich er ihr mit einer Hand über die Wange und nickte. Er wusste genau, was sie befürchtete, was sie sich wünschte. Und trotzdem hoffte er darauf, dass seine Tochter die richtigen Gene geerbt und in Vollmondnächten künftig gemeinsam mit ihm in Wolfsgestalt durch die Gegend streifen würde.

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Freunde

Inhaltsangaben/Content notes: Tiere (Hunde, Wölfe)

„Ach, das meint sie bestimmt nicht so“, versicherte Tom.
Schon über eine halbe Stunde spazierte er neben seinem Kumpel am Flussufer entlang und hörte zu, wie dieser von einem wirklich unglücklichen Missverständnis mit seiner besten Freundin erzählte.
Auch, wenn die Sache in seinen Augen gar nicht so dramatisch war, freute Tom sich über ihr Gespräch. Er genoss das Vertrauen, das ihm damit entgegengebracht wurde. Und es schien zu helfen, dass er zuhörte, ab und an nickte, zustimmend brummte oder gelegentlich eine Frage stellte. Vielleicht war aber auch nur seine Anwesenheit, sein stiller Beistand vonnöten. Wer wusste das schon?
Die Pausen, die sein Kumpel immer wieder machte, wurden mit jedem Mal länger. Für Tom, der ihn inzwischen gut kannte, ein untrügliches Zeichen, dass das Thema sich dem Ende zuneigte – entweder gab es nichts mehr zu berichten oder im Kopf seines Freundes entstand langsam eine Lösungsidee. Tom war beides recht.
Während er geduldig abwartete, ließ er seinen Blick über die Wiesen schweifen, die diesen Abschnitt des Flussufers säumten. Das gute Wetter hatte zahlreiche Personen nach draußen gelockt. Viele saßen einfach nur da und genossen Wärme und Sonnenstrahlen, andere spielten mit einem Hackysack, Hundebesitzer warfen Bälle oder Stöckchen, ein paar Kinder tollten einem Fußball hinterher und ein eine Handvoll Leute wagte sich mit Kanus oder Stand-Up-Paddle-Boards aufs Wasser. Schweigend genoss er den Anblick.

„Manchmal würde ich das auch gern machen.“
Neugierig drehte er den Kopf und versuchte zu erraten, worum es ging. „Ball spielen?“
Sein Freund verzog schuldbewusst die Miene. „Nein!“ Dann jedoch warf er ihm einen verschwörerischen Seitenblick zu. „Na ja. Vielleicht. Würdest du mitmachen? Das macht man als Erwachsener doch nicht mehr.“
Tom lachte und legte seinem Kumpel einen Arm um die Schultern. „Mann, entspann dich! Klar machen wir das! Und wenn’s dir wichtig ist, gehen wir wohin, wo uns keiner sieht.“
Das begeisterte Aufleuchten in den Augen des anderen freute Tom. Ob sein Freund je lernen würde, dass er nicht immer zuerst darüber nachdenken sollte, ob das, was er tun wollte, gegen die ungeschriebenen Regeln verstieß? Wenn er Spaß daran hatte, mit einem Ball zu spielen oder einem Stöckchen nachzujagen, würde Tom das liebend gerne mit ihm machen, egal, ob sich das für einen erwachsenen Werwolf geziemte oder nicht.

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Zähne

Inhaltsangaben/Content notes: (hohes) Alter, Geburtstagsfeier, Zähne

Mit einem genüsslichen Seufzen lehnte Albrecht sich auf dem bequemen Sofa zurück und schloss die Augen. Nur für einen Moment natürlich – der Höhepunkt des Festes stand immerhin noch bevor!
Seit Wochen hatte er geplant, organisiert, herumtelefoniert und Gespräche geführt. Er hatte dieses Haus mit Grundstück angemietet, eine Cateringfirma mit der Bereitstellung eines Fingerfood-Buffets beauftragt, mit dem örtlichen Getränkehändler um den Preis eines gut gefüllten Kühlwagens gefeilscht und Parkmöglichkeiten für alle Gäste gesucht. Und selbst das Wetter war ihm hold: Keine einzige Wolke stand am Himmel und die Luft war angenehm warm.
Lächelnd ließ der das bisherige Fest Revue passieren. Alle waren gekommen. Nicht nur die, mit denen er ohnehin fest gerechnet hatte, nein, auch die übrigen Verwandten und Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, diesen Tag mit ihm zu verbringen! Er hatte so viele Glückwünsche entgegengenommen, mit den zahlreichen Kindern gespielt und den andächtig lauschenden jungen Leuten auf deren Bitten hin Geschichten erzählt. Er war es nicht mehr gewohnt, derartig im Mittelpunkt zu stehen, doch er genoss es in vollen Zügen. Es war schön, dass man nicht vergessen wurde, nur, weil man alt war und keine eigenen Kinder hatte.

„Na, alter Mann?“ Zärtlicher Spott klang in der Stimme mit. „Du willst doch hoffentlich nicht schlapp machen?“
Albrecht öffnete die Augen und sah Barbara im Türrahmen stehen. Erfreut lächelte er sie an. „Ganz sicher nicht! Wenn du wüsstest, wie lange ich mich schon auf den heutigen Tag freue!“
Mit beschwingten Schritten kam sie näher und setzte sich neben ihn. „Es ist schön, dass du hier bist. Was für ein wundervoller Zufall, dass dein Geburtstag auf eins unserer Treffen fällt!“
Tief berührt strich er ihr mit der Hand über die Wange, wie er es schon so oft getan hatte, als sie noch ganz klein gewesen war. „Ich bin auch froh, dass ich hier bin. Und dass ich immer noch willkommen bin.“
Lachend ergriff sie seine Hand und hielt sie fest. „Natürlich bist du das! Du bist fast so fit wie jeder andere hier!“ Kurz zögerte sie, bevor sie fürsorglich fragte: „Hast du genug gegessen?“
Er grinste, ließ sich auf die Beine ziehen und streckte sich zu voller Größe. „Keine Sorge. Wenn die neue Chefin sagt, ich sei fit, werde ich sie bestimmt nicht enttäuschen!“ Dann drückte er ihre Schulter. „Wie lange noch? Meine alten Knochen sagen, dass es bald soweit ist.“
Barbara nickte und sah auf die Uhr. „Eine Dreiviertelstunde.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Ich geh zu den anderen – die sind zum Teil schon bereit. Oder brauchst du Hilfe?“
Lachend winkte er ab. „So fit wie die anderen, meintest du doch! Ich werde deine Erwartungen nicht enttäuschen!“
Sie grinste und ging zurück in den Garten. Von draußen ertönten die Geräusche von Unterhaltungen und spielenden Kindern, durchmischt mit fröhlichem Bellen und Lachen. Sehnsucht wallte in Albrechts Brust auf. Gleich würde er zu ihnen stoßen. Er beeilte sich, ins Badezimmer zu gelangen.

Dort zog er sich aus vollständig aus und legte seine Kleidung sorgfältig beiseite, bevor er sich im Spiegel betrachtete. Er mochte sein Aussehen, selbst die lange Narbe am linken Oberschenkel, die er längst als Teil seines Körpers akzeptiert hatte. Wenn man die vielen Falten in seinem Gesicht ignorierte, sah man ihm seine 78 Lebensjahre fast nicht an.

Fast. Er lächelte wehmütig, nahm sein Gebiss aus dem Mund und legte es sorgfältig ab.
Wenige Sekunden später machte sich der zahnlose alte Werwolf auf den Weg zu seinem Rudel.

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